Der Atari ST: Studio-Standard der 80er und 90er Jahre

Mittlerweile verbinden die meisten Nicht-Musiker den Namen ATARI mit Computerspielen und Spielkonsolen. Dabei zählte ATARI in den 80er und 90er Jahren zu den ganz Großen im Bereich Homecomputer und im professionellen Musikbetrieb.

Meilenstein: Atari ST (Foto: Riewenherm)

Meilenstein: Atari ST (Foto: Riewenherm)

Mitte der 80er Jahre betrat ATARI mit der ST-Serie erstmals professionelles Terrain und trat in direkte Konkurrenz zu Apple, die mit dem Macintosh zweifellos DEN Meilenstein der 80er Jahre gesetzt hatten.

Die ST-Reihe von ATARI zeichnete sich zum einen durch eine recht Mac-ähnliche Architektur aus: Auch hier kam der Motorola 68000 als Prozessor zum Einsatz. Und während in den USA meist ein Farbbildschirm mit verkauft wurde und den ST zum Heim- und Spielecomputer machte, setzte sich in Deutschland der hochauflösende Schwarzweiß-Monitor SM 124 durch.
Auf 10 Zoll lieferte er eine Auflösung von 640 x 400 Pixeln und bestach durch ein (für seine Zeit) extrem ruhiges Bild – Schwarz auf weiß bei 70 Hertz Bildwiederhol-Frequenz. – Entsprechend entwickelten sich insbesondere hierzulande etliche professionelle Anwendungen für den Atari, die ihn klar zum preisgünstigen Macintosh-Konkurrenten werden ließen.

DTP für den ATARI: Calamus (Foto: Riewenherm)

DTP für den ATARI: Calamus (Foto: Riewenherm)

So gab es beispielsweise durchaus ernst zu nehmende Desktop-Publishing-Lösungen für ATARI-Computer, wie zum Beispiel „Calamus“, mit dem in den 80ern etliche Print-Publikationen erstellt wurden. Die Software gibt es übrigens heute noch!

Cubase 3.0 auf dem Atari ST (Foto: Riewenherm)

Cubase 3.0 auf dem Atari ST (Foto: Riewenherm)

Den ganz großen Erfolg konnte ATARI im Bereich MIDI-Recording für sich verbuchen. Man hatte in alle Modelle der ST-Reihe serienmäßig ein MIDI-Interface eingebaut, das die unkomplizierte Kommunikation zwischen Computern und elektronischen Musikinstrumenten erlaubte (mal sträflich einfach beschrieben). So wurden für Synthesizer und Drumcomputer digitale Mehrspur-Aufnahmen möglich, die nachträglich editierter und vor allem extrem kostengünstig waren. Das revolutionierte die gesamte Popmusik-Branche.

Hier sei mal das britische Produzenten-Trio Mike Stock, Matt Aitken und Pete Waterman genannt. Sie setzten die neue Technik konsequent ein und schufen mit ATARI-Computern und Software aus Hamburg (anfangs mit dem „24“ von Steinberg) riesige Erfolge mit Namen wie Rick Astley, Kylie Minogue und vielen anderen.

Lange Zeit waren die ATARI-Rechner nahezu unverändert am Markt – keine Spur von den heutigen, hektischen Innovationszyklen. Genau das aber wurde dem Amerikanischen Unternehmen zum Verhängnis. Lange Zeit war ATARIs Betriebssystem „TOS“ mit der grafischen Benutzeroberfläche „GEM“ der IBM-kompatiblen Konkurrenz für kreative Anwendungen weit überlegen. Macintoshs bewegten sich preislich in ganz anderen Dimensionen, und es gab ein klares Anwenderprofil.
So kamen nach dem Ur-ST (1985) noch ein paar kleinere Weiterentwicklungen, dann der Mega ST (1987-1991) mit abgesetzter Tastatur und der Atari TT, eine besonders leistungsfähige Variante, die jedoch recht teuer war und einige Inkompatibilitäten mit den ST-Modellen aufwies. Als sich Apple und Microsoft mit multimedialen Fähigkeiten abzusetzen begannen, wurde die Luft dünn. ATARI war angeschlagen und brachte in einem letzten (in der Rückschau aber eher lieblosen) Kraftakt den Falcon030 heraus.

Das Handbuch des Atari Falcon030 (Foto: Riewenherm)

Das Handbuch des Atari Falcon030 (Foto: Riewenherm)

Konzeptionell hätte dieser Rechner, der 1993 vorgestellt wurde, die Konkurrenz hinter sich lassen können. Er verfügte über einen digitalen Signalprozessor (DSP) und eine 8-kanalige Audiomatrix und konnte so hardwareseitig acht echte Audiospuren aufnehmen und wiedergeben – das schaffte damals ohne extrem kostspielige Erweiterungen niemand sonst.
Leider war die Umsetzung mehr als unglücklich. In dem kleinen Gehäuse war kein Platz für Erweiterungen, der mit 16 MHz getaktete 68030er Prozessor war zu schwach auf der Brust, und es gab (zumindest von ATARI) kein brauchbares Multitasking-Betriebssystem.
Zwar brachten die großen deutschen Musiksoftwarehäuser Steinberg und Emagic noch Audio-Verionen ihrer Programme „Cubase“ und „Logic“ für den ATARI Falcon heraus – ernsthafte Anwendungsversuche scheiterten jedoch an der katastrophalen Hardware.

Damit ging eine Ära zu Ende. Microsoft und Apple teilten den Markt unter sich auf.

Geblieben ist aber der doch große Einfluss, den ATARI besonders im Musikbereich hatte. Apples „Logic“ und auch Steinbergs „Cubase“ – beides quasi Industriestandards – haben ihr Wurzeln auf ATARI Computern – und nur da (wenn wir die ersten Gehversuche auf dem C-64 einmal weglassen).

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