Doepfer A-100: Modulare Therapie

Ich habe mir eine Therapie verordnet. Ich will zurück zu den Anfängen, möchte genau verstehen, was ich tue, dem Zeitdruck entfliehen.

Das analoge Modularsystem A-100 von Doepfer (Foto: J. Riewenherm)

Das analoge Modularsystem A-100 von Doepfer (Foto: J. Riewenherm)

Also gipfelt meine Annäherung an analoge Synthesizer aktuell im Kauf eines echten Modular-Systems. So thront in meinem Studio jetzt ein Doepfer A-100.
Es ist ein schlichter Holzkasten mit 23 einzelnen Modulen, über die Signalfluss und -bearbeitung abgewickelt werden. Und das hat mit modernen digitalen Workstations kaum noch etwas gemein (auch wenn diese all dass in ihre digitale Allmacht integriert haben).
Es gibt keine Speichermöglichkeiten, keine Presets, durch die man sich durchsteppen könnte. Jeder Sound ist ein Unikat.

Man beginnt wirklich auf dem leeren Blatt. Mittels einer Unzahl an mitgelieferten Kabeln muss man sich das Klanggeschehen regelrecht handwerklich selber bauen. Ich muss physikalisch die Verbindungen zwischen den Tongeneratoren (VCO = Voltage Controlled Oscillator) und dem Audioausgang herstellen und höre dann schlicht einen durchgehenden Ton. Will ich mehr, muss ich per Pachkabel die Module zwischenschalten, die diesen Ton nach meinen Wünschen beeinflussen.

Hier finden sich dann viele Komponenten wieder, die man in allen Synthesizer vorfindet. Zum Beispiel ein Hüllkurven-Generator.
Dieser erzeugt meist den Lautstärke-Verlauf eines Sounds, also ob er perkussiv anschlägt oder langsam einschwingt, in welcher Lautstärke er anhält und wie er abklingt.
Digital ist sowas schnell eingestellt. Aber im Modularsystem muss ich genau wissen, wie das Modul arbeitet, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen. Also brauche ich (um bei diesem Beispiel zu bleiben) noch einen Verstärker, der den VCO-Grundton so verstärkt oder absenkt, wie der Hüllkurvengenerator das vorgibt.
Das bedeutet, dass der Ausgang des Tongenerators mit dem Eingang eines VCA-Moduls (Voltage Controlled Amplifier = spannungsgesteuerter Verstärker). Dieses Modul bekommt eine Steuerspannung vom Hüllkurven-Generator nach dem es die Verstärkung des Signals beeinflusst.
Außerdem braucht der Hüllkurvengenerator einen Impuls, wann er seine Arbeit beginnen und beenden soll. Hierzu ist eine weitere Steuerspannung erforderlich: Ein Gate-Signal, mit dem meist übermittelt wird, wann eine Taste gedrückt und wieder losgelassen wird.

Ich habe also grundsätzlich drei verschiedene Signalarten, von denen keine unberücksichtigt sein darf:
1. Das Audio-Signal, das vom Tongenerator durch die verschiedenen Bearbeitungsstufen geschickt wird
2. Steuerspannungen, die (wie die vom Hüllkurvengenerator) diese Bearbeitungsstufen steuern (übrigens auch die Steuerspannungen, die von einem Keyboard ausgegeben werden, um die Tonhöhe des VCOs zu regeln)
3. Trigger-Steuerspannugen, wie z.B. das Gate-Signal, die bestimmte Prozesse starten und stoppen.

Dies soll nur exemplarisch die Denk- und Arbeitsweise verdeutlichen.

Nun ist all das nichts für pragmatisch-schnelles Arbeiten in einem Effizienz-getriebenen Produktionsprozess, sondern es hat etwas fast Therapeutisches. Das, was geschieht, bis aus einem Dauerton ein ausdrucksvoller Synthesizer-Klang wird, muss man vorausdenken und nachfühlen können. Man ist sich der Gesamtheit des Geschehens in all seiner Komplexität bewusst; nur dann wird man nach einer Weile zu einem befriedigenden Ergebnis kommen. Genau das benötigt Zeit, Konzentration und Hingabe.
Belohnt wird man mit etwas wahrhaft Selbstgeschaffenen. Einem Unikat mit klar begrenzter Lebenszeit. Nichts lässt sich speichern, und entfernt man die Verkabelung bzw. ändert Parameter, gibt es keinen Weg zurück exakt zu dem, was man zuvor gehört hat.
Nach ein wenig Übung, mit einigem Grundlagenwissen und etwas Erfahrung ist dies also ein wirklich künstlerisches Schaffen – wie eine Eisskulptur, die irgendwann wieder zu formlosem Wasser wird.

Diese Zeit, die dafür investiert wird, hat etwas Reinigendes, schärft Sinne und entspannt. Und wenn man es fertig bringt, die nötige Konzentration aufzubringen und störende Außenfaktoren wie Handy, Internet etc. auszublenden, schöpft man neue Kraft und lernt gleichzeitig sehr viel und sehr schnell. Belohnt wird man mit fast unerschöpflicher Inspiration.

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