Studiologic Sledge – virtuell analoge Schrauberkiste

Der Sledge von Studiologic

Gelb wie ein Schulbus: Der Sledge von Studiologic

Ein echter Blickfang ist der neue Synthesizer aus der italienischen Tastaturschmiede STUDIOLOGIC. Der Sledge fällt auf. Einerseits durch seine mutige Signalfarbe: Er ist gelb wie ein US-Schulbus und ganz besonders durch sein Benutzerinterface – er sieht aus wie ein echter Synthesizer in Reinform.

Das Design

Beim Auspacken kommt kurz etwas Tupper-Feeling auf. Ja, es ist unübersehbar Plastik und macht auf den ersten Blick nicht den wertigsten (optischen) Eindruck. Ist das Gerät aber vollständig ausgepackt und aufgestellt, relativiert sich das schnell.

Die Bonbon-bunte Schale ist doch sehr robust – und das in schwarz gehaltene Bedien-Panel macht einen sehr soliden Eindruck.

Die Hardware kommt natürlich nicht an die schussfeste Konstruktion eines Moog-Synthesizers heran, ist aber durchaus praxisgerecht, und man bekommt keine Angst, mit unbeabsichtigter Grobmotorik etwas kaputt zu machen.

Dabei ist der Sledge schon von seinem Volumen ein ziemlicher Brocken. Ein großzügig dimenssionierter Synthesizer mit einem 61-Tasten Keyboard – ungewichtet aber ordentlich verarbeitet, einem Pitch- und einem Modulationsrad und einem üppigen Bedien-Panel.

Hier wurde nicht gekleckert. In großen Knöpfen, Schaltern und Reglern wird geradezu vorbildlich der Signalfluss eines analogen Synthesizers abgebildet. Und dass das so gut gelungen ist, ist nicht zuletzt dem Designer Axel Hartmann zu verdanken. Sein überragendes Können und sein feines Gespür für perfekte Ergonomie hat er unter anderem schon beim Minimoog Voyager oder Moogs Little Phatty unter Beweis gestellt.
Bemerkenswert ist außerdem, dass bis auf das Netzkabel alle Anschlüsse an der linken Gehäuseseite liegen. Genau das Konzept hat Hartmann schon an seinem legendären Neuron-Synthesizer umgesetzt.

Somit ist der erste Eindruck mehr als gelungen, und die Farbe ist ein im positiven Sinne mutiges Statement.

Die Architektur

Und was steckt hinter der eindrucksvollen Kulisse? Neben dem routiniert-soliden Fatar-Keyboard aus dem Haus Studiologic hat man sich eine renommierte deutsche Synthesizerschmiede an Bord geholt: Die Klangerzeugung stammt aus dem Hause Waldorf.

Dort hatte man in der Nachfolge der legendären PPG-Synthesizer mit Produkten wie dem Microwave Geschichte geschrieben.

Entsprechend basiert die Klangerzeugung des Sledge im Wesentlichen auf der Technologie des „Blofeld“ von Waldorf – wenn auch nicht bis ins Detail.

Der Sledge ist ein virtuell-analoger Synthesizer. Der interne Signalweg ist vollständig digital, kann aber weitgehend gesteuert werden, wie eine analoge Maschine. Grundsätzlich findet man eine klassische substraktive Synthese vor. Es gibt drei Oszillatoren mit den klassischen Grundwellenformen wie Sägezahn, Rechteck, Dreieck und Sinus und einen Rauschgenerator, der weißes und rosa Rauschen bereitstellt.
Der erste Oszillator kann aber noch mehr: In alter PPG- und Waldorf-Tradition bietet er auch Wavetables an – eine Abfolge von digitalen Wellenformschnipseln, mit denen sich sehr lebendige Klänge erstellen lassen.

Die weitere Signalverarbeitung ist klassisch. Es gibt einen Filter, der wahlweise als Low-Pass, High-Pass oder Band-Pass arbeiten kann und dessen Wirkungsgrad zwischen 12 und 24 dB umgeschaltet werden. Zudem verfügt der Filter löblicherweise über einen eigenen Hüllkurven-Generator.

Eine ADSR-Hüllkurve gibt es für den Verstärker dann natürlich auch – allerdings nur einen, der auf das gesamte Klanggeschehen wirkt.
Darüber hinaus gibt es drei LFOs (Low Frequency Oscillator), wovon einer direkt vom Modulationsrad gesteuert wird. Diese bieten ebenfalls die klassischen Wellenformen und können vielfältig ausgerichtet werden (auf die Oszillatoren, auf den DCA, das Filter-Cutoff oder die Pulsweiten-Modulation für Rechteck-Wellenformen und die Wavetables).
Zum Verschönern des Klanges gibt es dann noch eine Effekt-Sektion, die zwei Module zur Verfügung stellt: Eins hält klassische Modulationseffekte (Chorus, Phaser und Flanger) bereit und das andere wahlweise Hall oder Delay. Die Einstellungsmöglichkeiten hier sind sehr einfach gehalten, tun aber ihren pragmatischen Dienst.

Auf der linken Seite befindet sich quasi die digitale Sektion: Eine Zehner-Tastatur und ein kleines Display nebst einigen Knöpfen um all das zu steuern, was über die „analogen“ Bedienelemente nicht zu erreichen ist.

Das Feeling

Spätestens, wenn man beginnt, selbst an Sounds zu schrauben (besonders, wenn man mit dem Umgang mit wirklich analogen Klangerzeugern vertraut ist) , merkt man sehr deutlich, dass der Sledge nur virtuell analog ist. Dabei ist es nicht nur der Effekt, dass sich die Drehregler beim Aufruf eines gespeicherten Sounds nicht selbstständig in die korrekte Position bewegen, sondern auch, weil es eine deutlich spürbare Latenz zwischen „drehen“ und Wirkung gibt. Dies fühlt sich teilweise an, als seien die Regler mit einem weichen Gummiband mit der Klangerzeugung verbunden.
Im Ergebnis stimmt dann wieder alles und die Bedienelemente tun durchaus das, was sie sollen. Bei einem Autotest würde ich von einer „sehr indirekten Lenkung mit wenig Fahrbahnkontakt“ sprechen.

Hier rächt sich dann doch das Retro-Design mit all seinen hübschen Knöpfen. Dabei hat Axel Hartmann es beim Little Phatty vorgemacht, wie es eleganter geht – oder man hätte gleich Endlos-Regler mit LED-Kranz verwendet. Vermutlich wäre dann aber der günstige Verkaufspreis nicht zu halten gewesen, oder es hätte doch Mehrfachbelegungen gegeben.

Diese Kritik klingt dramatischer als sie tatsächlich gemeint ist. Auch diese Lösung ist um Welten besser als verschachtelte Menüs und das Einhacken von Zahlenwerten.

Der Sound

Gut klingt er. Schöne und ausdrucksvolle Sounds finden sich in den Werks-Presets – und auch auf dem Fußweg sind intuitiv und schnell klangliche Ergebnisse erstellbar, und das dank der herausragenden Bedienoberfläche ohne „blindes“ Experimentieren. Man sieht, was man tut – und man hört es sofort.

Klanglich stellt sich durchaus Analog-Feeling ein. Das liegt nicht zuletzt an der Synthese-Architektur und den klassischen Wellenformen, die zur Bearbeitung bereitstehen.

Einzig die Wavetables stechen da ein wenig heraus – aber auch das ist ein ehrenvolles Erbe aus alten PPG-Zeiten. Der Sledge ist ein Synthesizer im besten Sinne. Kein Sample-Player – kein Allrounder, der versucht, Natursounds zu reproduzieren.

Nein, die Sledge-Mission ist synthetischer Klang. Einfach, aber ehrlich. So ist es die beste Entscheidung, die Studiologic hat treffen können, das Synthesizer-Schwergewicht Waldorf ins Boot zu holen. Da spielt es auch keine Rolle, wenn die Einheit im Sledge gegenüber dem Blofeld von Waldorf etwas abgespeckt ist. What you see is what you get. Und das macht Spaß!

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